appels politischer Blog

Di

01

Sep

2009

apl´s Zugfahrt

Einmal durch die Republik

 

Politik und Presse – von Politblogger Sebastian Appeldorn

 

Der 27 September 2009 rückt mit dem Tempo eines modernen ICE an uns heran. Wir rasen mit Geschwindigkeit auf eine Bundestagswahl zu, ohne zu wissen das wir rasen. Ein Wunderwerk der deutschen Technik. Wer je im Ausland mit dem Zug gereist ist, versteht die Bewunderung der Deutschen Bahn.

 

Ich sitze Mitte August in diesem Zug und zur Bundestageswahl. Von München nach Berlin. Von der Zentrale für „Negativ Adjektivierung künftiger Koalitionspartner“ zur „Bundesanstalt für fehlende Wahlkampftthemen“.

 

In München blättere ich mich durch das Staatseigene Zentralorgan politischer Meinungsmache. Die Süddeutsche Zeitung ist das Wunder des Freistaats. Linksliberal und Bayrisch. Merkel hält sich zurück und Steinmeier stolpert über Ulla Schmidt. Die Themen gleichen sich der Tage. Ob Dienstwagen oder Geburtenrate. Das Schattenministerium regiert die Wahlkampfprognosen. Steinmeier steigt drauf ein und wird selbst zum Schatten. Er kämpft gegen einen Gegner der noch nicht im ICE sitzt und begnügt sich mit Rhetorischen Ergüssen zur Wirtschaftspolitik einer möglichen Schwarzgelben Liaison. Die Süddeutsche erörtert die Wirtschaftspolitik von 2002. 7 Jahre in die Vergangenheit um 6 Wochen Zukunftspropaganda zu erläutern. Ich bin begeistert. Des Freistaats Nationalzeitung baut auf politisch gebildetes Lesertum.

 

Ein Gast schenkt mit die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Selbe Thematik mit anderer Meinung. Danke Gott für die Meinungsfreiheit. Steinmeier poltert auch im Expostadtmedium gegen Schwarz Gelb. Er trifft die Meinung des Autors. Böse, was CDU und FDP so machen. Ich erinnere mich an meine Bildung und ergötze mich an der SPD Presse. Die HAZ gehört irgendwie der SPD Pressestelle. Wahlkampf im Zug! Angela Merkel bekommt eine Note für ihre Arbeit. Hinreichend zu Mangelhaft! Die Schulbildung in Niedersachsen bereichert mich mit neuen Noten. Ich entscheide mich, dass dies eine ausreichend minus sein soll und wundere mich über die gute Note Sigmar Gabriels. Nahezu gut! 3+? Bestimmt. Hannover ist ein kleingeistiger Kontinent in diesem Moment.

 

Auf meiner Strecke durchquere ich den Nordbayrischen Kurier und die Südthüringer Zeitung. Ebenfalls SPD Blätter. Ich entscheide mich gegen die Artikel aus der HAZ und freue mich dass Montag ist. Der Spiegel ist erschienen und vor meiner Abreise wanderte ein Exemplar in meine Tasche. Es macht einen gewichtigen Eindruck wie Merkel über Steuerpläne denkt und warum Seehofer die FDP nicht mag. Auch Steinmeier ist vertreten. Ohne neuen Text.

 

Der Spiegel ist Deutschlands Synonym für Pressefreiheit. Ich finde 5 verschiedene Meinungen zu ein und demselben Thema. Ich stelle mir die Redaktion in Hamburg vor, wo einer nicht weiß was der andere tut. Dann erkenne ich die daraus resultierende Größe des Magazins und bedanke mich innerlich dafür, dass Stefan Aust nur noch Kinofilme macht und auf 90 seitige Specials zum Thema RAF verzichtet.

 

Mich düngt die Weltpolitik rückt dieser Tage in den Hintergrund, doch die Ermordung einer Fliege durch Obamas Hand, bezwingt jeden Artikel über den 27. September. Amerikanische Versicherungen sind größer als deutsche, und auch ihre Artikel könnten nicht lang genug sein. Der Spiegel ist informativ und hilflos zugleich. In Niedersachsen haben die Schüler keine politische Bildung, weshalb ich als nahezu Osnabrücker, auf Hintergrundberichte verzichte. Das strengt an. Ich will Oberflächlichkeiten!

 

Es naht der Main und seine Traumstadt. Gesäumt von Türmen strahlt das Stück Regenwald auf mich. 300 Kilogramm lebendige Wurzeln, bestrichen mit Tinte aus den Federn der fähigsten Köpfe Hessens. Die FAZ wird gereicht. Der Service der Bahn ist Gesellschaftsfähig. Wohl behütet mit Kaffee, erstklassig ins Dilemma. Noch ist Berlin weit weg! Ruhig Sebastian.

 

Ich zerpflücke die FAZ. 5 Menschen bestimmen die Linie dieses Machwerks. Ich sehe 5 Millionen Zeichen und frage mich ob die FAZ ebenso „dreiteilig“ verfilmt werden müsste, wie Herr der Ringe. Sie ist riesig, zu riesig. Ich lese neue Überschriften. Ebenso entdecke ich neue Namen. Lafontaine wird erwähnt. Das niedere Saarland scheint eine kleine Rubrik zu besitzen. Es geht auch ums Saarland. Eine Zeitung aus der Mitte Deutschlands mit dem Gespür für 3 Landtagswahlen bevor mein Zug in Berlin hält. Was es nicht alles gibt?

 

Ich merke, dass die neuen Überschriften nur aus dem Zusammenhang gerissene Fetzen der großen drei sind. Meine Enttäuschung ist groß. Wieder nichts Verwertbares.

 

Ich gebe nicht auf! Deutschland muss doch was bieten. Ebenso mächtig wie in Frankfurt werden Berliner Zeitungen gereicht. „Die Welt“ ist dabei. Des Axel Springer Verlags kurioses Machwerk fürs Bildungsproletariat. Selten gerügt und international anerkannt. Eine Zeitung zum Lesen. Die Artikel sind konservativ und Wirtschaftlich liberal. Ich schaue noch mal ins Impressum und wundere mich: Doch nicht die Süddeutsche. Steinmeier doof, Merkel toll. Die Essenz der Berliner Springer ist radikal kurz.

 

Im Forbes stand letztens das die Welt nach 40 Jahren wieder gewinn macht. Ich frage mich wieso? Ich schweife wieder ab und stelle mir die Redaktion des Axel Springer Verlags wie ein Hollywood Studio vor. „Die Welt“ ist der bombastische Film, die „BILD“ der Trailer. Ich mag Trailer, die nicht zu viel verraten. Hier steht auf gefühlten 3000 Seiten, das gleiche wie auf der zweiten Seite der BILD.

 

Ich gehe ins Bordresturant und treffe den Mann der mir alles über Politik sagen kann. Udo Walz! Leider hat der Mann keine Zeit, sondern nutzt den kleinen roten Teppich vor der Theke für Selbstdarstellungen. Ich stibitze ihm die Bunte und freue mich auf mein erstes Angela Merkel Interview seit langem. Leider interessiert nur Udo Walz was Angela Joachim auf den Einkaufszettel schreibt und Ursula von der Leyens Familie tangiert mich ebenso peripher wie diese merkwürdige nie anwesende FDPlerin im EU Parlament.

 

Bei von der Leyen halte ich aber inne. Ist diese Frau nicht die mit den gefälschten Geburtenzahlen. Wo stand das noch? Der Spiegel hat es aufgedeckt! Auch ihr Antikinderpornografiegesetz ist ein Fass ohne Boden. Das ZDF hat es mir verklickert. Ich schnappe mir einen Sitz ohne Tisch und bediene mich des Bordfernsehers der 1. Klasse. Es Läuft Bahn TV mit einem 30 minütigen endlosschleifen Bericht über Tiefensees Pläne und Mehdorns Abschiedsfeier.

 

Sinnlose Informationen durchfluten meinen Kopf. Ich studiere noch mal die gängigsten Artikel der einschlägigsten Presse. CDU, SPD oder FDP geführt. Keine sagt mir was nach dem 27. September kommt. Aber gerade das ist doch die Frage?

 

Wird Merkel die Steuern erhöhen? Wird sie endlich die Bürokratie abbauen? Kommt der Klimaschutz vor der Klimakatastrophe? Bleibt Jogi Löw auch weiterhin die zweitwichtigste Person der Deutschen Öffentlichkeit. Die CDU beantwortet mir diese Fragen nicht. Ihre Zeitungen können es nicht. Dafür ist in der BILD kein Platz und deren Leserschaft würde verzweifeln. Die Bild und Politik ist eh eine merkwürdige Sache. Immerhin steht Deutschlands Regierung auf Seite zwei und die BILD wird von hinten nach vorn gelesen.

 

Die SPD gibt mir Antworten zu meinen CDU Fragen. Die FDP zu den SPD Fragen, die Grünen geben nur Auskünfte über ihr Führungsorgan, welches niemand versteht und die Linke suhlt sich in Selbstmitleid, weil niemand Oskar mag, nachdem er im Sommerinterview geweint hat.

 

Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest. Deutschlands Presse und Deutschlands Politik, stehen sich sehr reaktionär gegenüber. Ein wenig wie der Bund der Steuerzahler und sein Mängelbericht am Ende des Jahres. Es wird nicht gewarnt sondern stumpfsinnig berichtet. Weder Unabhängig noch Überparteilich. Ich frage mich wieso ich nie wieder was vom Klimaschutz gehört habe, oder warum Merkel nie zum Irak befragt wird. Immerhin wollte das, von Priol und Pispers, als Besatzerliebchen verschandelte Ostgewächs mit Bush in Bagdad einfallen. Warum erinnert sich keiner mehr als den Fall Homann und weshalb darf Müller Milch weiter Subventionen beantragen.

 

Deutschland ist zu schnelllebig. Unsere Zeit ist zu schnelllebig. Niemand mag lange denken, lange prozessieren oder lange arbeiten. Alles schnell, schnell, schnell. Das Resultat liegt in stolzen 30000 Bettlerbettdecken vor mir. Die Presse langweilt sich an langweiligen Kanzlern und Kandidaten die langweilige Bürger langweilen.

 

Wer ist denn an dem Murks nur Schuld. Der Biedermeier der uns Deutsche ergriffen hat? Ich wette nächstes Jahr wird Caspar David Friedrich zum Künstler des Jahrtausends ernannt und Deutschland fällt in eine Romantik. Krise hin oder her. Wenn es kriselt ist sich der Deutsche einig. Nur kein Stress. Wir haben 1000 Jahre auf Selbstbestimmung gewartet, bzw. Mitbestimmung, da sind und die paar Woche zum 27. September zu wenig.

 

Ich nehme mein Handy und rufe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn an. Ich will wissen was am 28. September passiert. Ich will ein unentschlossener Wähler sein, der sich entscheidet weil er informiert ist. Ich will kein CDUler oder SPDler sein, weil meine Eltern es sind, oder weil mein Bürgermeister von den Christen ist und mir letztes Mal ein Bier ausgab. Ich will vielleicht zum ersten Mal kein Deutscher sein und ein wenig Demokratie leben.

 

60 haben wir den Spaß nun am Stück und es schreibt sich die Presse wund, dass die Luft raus ist. Vielleicht taugt der Spiegel doch was und nach 4 Jahren Abo weiß ich was Sache ist. Oder die FAZ hilft mir auf die Sprünge. Von mir aus auch die Süddeutsche Zeitung.

 

Der Zug pendelt bald ein und ich wünsche mir viele Seelen in diesem ICE die sich ebenso fragen, was passieren wird. Es ist nicht mehr lange hin.

 

Die Bahn bringt noch mal einen Kaffee. Der letzte vor der Endstation. In Berlin muss ich wählen. Richter spielen für Abgeordnete. Die Herrschaft des Volkes heißt Demokratie. Die Presse ist mir keine Hilfe. Vielleicht treffe ich einen Menschen, mit dem ich reden kann. Dort wo die CDU noch nicht ist und Steinmeier wartet.

 

Am Stammtisch in der Kneipe. Mit der BILD aufm Tisch und einem Bier in der Hand. Deutschland einig Vaterland.

 

 

 

 

 

 

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